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28 Tage, 6 St., 42 Min. & 12 Sek. oder nicht ganz

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Wir haben uns von der Vorstellung einer großen Erzählung gelöst, wir haben Religionen verbraucht und Götter entmachtet; wir haben Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen, Menschen mit Idealen der Lächerlichkeit preisgegeben. Wir haben die Lust zum Leiden verloren. Wir sind uns unseres eigenen Selbst bewusst. Wir akzeptieren keine höhere Macht. An unserer Seite gibt es kein miteinander. Aber trotz allem halten wir an der lächerlichen Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität, zwischen Erlebtem und Erdachten, zwischen Sein und Nichtsein fest.

Ein Schreiber schreibt. Alles was er schreibt ist wahr und gleichzeitig falsch. Er dichtet nichts hinzu, er erfindet nichts, bestenfalls gelingt es ihm, den Vorgängen in seinem Kopf eine passende Form zu geben. Alles was er schreibt, hat bereits im Vorfeld existiert. Je eher er damit beginnt, die Geschichte aufzuschreiben, desto eher wird er damit Erfolg haben. Je länger er wartet, je länger er sich damit Zeit lässt, desto wahrscheinlicher wird er scheitern. Die Welt hat ein Verfallsdatum. Alles andere ist Zeitverschwendung. Vergebliche Liebesmühen. Er wird versuchen sich selbst einzubringen, er wird an der Geschichte herumdoktern wie an einem kranken Patienten. Er wird in der Illusion etwas Eigenes kreiert zu haben, untergehen.

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Über das Lesen

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Früher habe ich sehr viel gelesen, nicht absolut sondern relativ gesehen. Absolut sicher bin ich mir, dass ich viel mehr lese als früher in der Gesamtmenge- zählt man das berufsbedingte Lesen (geht es bei uns nicht immer nur ums Lesen?) sowie die Gesamtheit an Freizeitaktivitäten abgesehen vom Lesen von Büchern, die in irgendeiner Form oder der anderen lesend vonstatten gehen (ergo fast alle) zusammen, so komme ich bestimmt auf eine Gesamtzahl an Stunden, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit absolut über dem Durchschnitt liegt. Das ist aber relativ egal. Zwar war Früher nicht alles besser, abgesehen von der Zukunft vielleicht, aber kam einem nicht alles relativ bedeutungslos vor in Anbetracht eines guten Buches? Gut, es gab noch immer Dinge, die wertvoll erschienen (eine neue oder eine gute alte Platte, Falafel, Essen in seiner Gesamtheit, Dinge intimster Natur etc) aber trotz alledem: War ein gutes Buch nicht das absolut Beste, Quintessentiellste aller möglichen Dinge? Wie konnte es in relativ kurzer Zeit so viel an Bedeutung verlieren?

Da ich also so gut wie nie lese und daher keine Ahnung habe, was gut oder schlecht ist – d.h. früher konnte ich selbst angetrunken auf jeder Party sehr treffsicher ein bedeutsames oder schweres Buch empfehlen und damit jede Menge Eindruck/Mitleid (das wohlige Gefühl für einen Eierkopf gehalten zu werden fehlt mir) schinden, so denke ich heutzutage beim Begriff “schwer verdauliche Kost” eben erstmal an…ach lassen wir das…

Jedenfalls, sogar meine Frau (meine Frau!) sagt, ich lese zu wenig und hat mir ein Buch besorgt. Ich habe daraufhin, um den oberen Gedankengang abzuschließen, da ich ja mittlerweile wie angedeutet weiß, dass ich von Büchern keine Ahnung habe, mir das allseits abgefeierte “Gegen die Welt” besorgt. Ich habe mich so langsam glaube ich festgebissen, so dass ich gar nicht erst dazu kam, mir ein Bild der allgemeinen Rezeption sowie die der Kulturkritiker zu machen. Und ja, seht mich mitleidig an oder haltet mich für einen Sonderling, ohne das ganze Geschwätz drumherum macht das Lesen viel mehr Spaß – ergo:

Lesen “Eins” – Kulturkritiker “Nuuuuuull!”

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„Es gibt unter ihnen noch lebhafte Geister“ – Reflexion über „Italien retten“ von Paul Ginsborg

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Paul Ginsborg, der seit 2009 die italienische Staatsbürgerschaft angenommen hat, zitiert zu Beginn seines vielbeachteten Manifestes (er selbst spricht angesichts des 100-seitigen Umfanges fast liebevoll von “Bändchen”) Lord Byrons Anmerkung über eine der Konstanten der neueren Geschichte Italiens, dass es unter ihnen, die ansonsten nur für ihre Opern und Makkaroni zu rühmen seien, noch einige Köpfe geben, die die Rettung und den Wiederaufbau Italiens ermöglichen könnten. Lord Byron soll diese Worte allerdings an einem Morgen, Ende April des Jahres 1821 gesagt haben.

Dazwischen liegt der Risorgimento und seine gescheiterten Experimente in Sachen kommunaler Erhebungen in den Jahren 1848/49 (die Republiken in Mailand oder Venedig etwa) und seine Mündung in einen zentralistischen, monarchischen Staat, der den Aufstieg zur Industrienation, den Anschluss an die Moderne gewährleistete, indes Defizite und Unterschiede der italienischen Nation zementierte- Defizite und Unterschiede, die auch Italien, als unerfüllte Nation, geradewegs in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges hineingeraten ließen und in der Folge den Nährboden für das faschistische Ventennio (die 20 Jahre der faschistischen Diktatur) lieferte. Damit nicht genug, nach 1945 wurde das politische Leben bis 1992 von den Christdemokraten dominiert, die sich, im Unterschied zu anderen Ländern nicht zur staatstragenden Partei entwickelten oder die europäische Integration vorantrieben, sondern im Verbund mit der ureigenen italienischen Tradition des Klientelismus vielmehr zum staatsaushöhlenden weißen Wahl (“la balena bianca”) mutierten, fernab von den basisdemokratischen Ideen eines Don Sturzos oder des paneuropäischen Gedankengut eines Alcide de Gasperis. Dazwischen, anschließend oder währenddessen: die Mafia, Camorra, ‘Ndrangheta, rechter und linker Terror, P2, Craxi oder Tangentopoli. Und dann kam Silvio…

Angesichts all dieser Katastrophen und Dysfunktionalitäten sollte es vielmehr verwundern, dass dieser gebeutelte Staat 2011 sein 150. Dienstjubiläum bestreiten konnte. Dienst an einem Land, dass davon kaum je etwas wissen wollte. Zunächst einmal: Gratulation, “Bel Paese”, Du bist noch am Leben!

Sommer 2010, irgendwo tief unten am italienischen Stiefel. Es ist warm, wie immer. Über dem Land ein ewigblauer Himmel, umtriebige Geschäftigkeit am frühen Morgen, die Einheimischen nutzen die frühen Morgenstunden, ganz im Gegensatz zum gängigen Italienbild nördlich der Alpen, um Alle wichtigen Besorgungen des Tages zu tätigen. Um halb Zehn ist die frische Ware in den Supermärkten schon längst ausgeräumt, wenn die ersten Touristen gegen später in die Stadt strömen, finden sie das vor, was ihrem mentalen Bild entspricht, sprich: die Stadt ist menschenleer. Als würden die faulen Südländer mal wieder nicht arbeiten. Indes ist ihnen die geschäftige Umtriebigkeit in den frühen Morgenstunden entgangen, auch bleibt ihnen die Verwunderung erspart, die einen schärferen Beobachter überfällt: was zum Teufel gibt es in diesem gottverlassenem Land eigentlich so vieles zu tun? Ich fühle mich an Bukowskis ¨Das Schlimmste kommt noch¨Beschreibung Los Angeles zur Zeit der Großen Depression erinnert, als die Väter und Ehemänner geschäftsmäßig in das Auto zu steigen und so zu tun pflegten, als fuhren sie zur Arbeit. Niemand wollte sein Gesicht verlieren. Niemals will niemals die Hoffnung aufgeben.
Da ich der Natur eines Urlaubes entsprechend über viel Zeit, gepflegte Langeweile und eine gewisse Neugierde verfüge, lese ich täglich drei bis vier Tageszeitungen: einmal querbeet durch das Land und alle politische Lager. Zwei große Themen füllen das Sommerloch (neben den obligatorischen Transfergerüchten von Ibrahimovic oder Maicon): einerseits Finis Bruch mit dem Cavaliere, andererseits die Vorbereitungen der Festlichkeiten anlässlich des 150. Jahrestags des italienischen Staates. Während die Geschichten um/mit Berlusconi (Bunga Bunga sollte noch kommen) zwar von der üblichen skandalsuchenden Gier, die dem modernen, kritischen Tagesjournalismus anhaftet gekennzeichnet ist, und nur selten erste zaghafte Versuche der offenen Kritik an Berlusconis Bienno wagt, wird die Berichterstattung zur Einigung Italiens von einer Lähmung durchdrungen, die auf frappierende Art und Weise die Stimmung am Nachmittag in einer beliebigen italienischen Stadt widerspiegelt. Über allem eine gespentische Lähmung, Resignation. Das Gespenst der Separatisten geht un in Italien. Gepaart mit dem historisch verwurzeltem, allgegenwärtigen Regionalismus entsteht ein seltsamer Effekt: Die meisten Artikel lesen sich wie Grabesreden, darüber können die von der Regierung auf welche Art auch immer lancierten patriotisch-nationalistisch gefärbten Artikel, die die Singularität der Einigung Italiens hervorheben wollen, nicht hinwegtäuschen.

Die Voraussetzungen sind nicht besonders günstig für Ginsborgs Vorhaben, so etwas wie eine Grundlage für die nächsten 150 Jahre Italien zu schaffen, und es gehört eine große Portion Mut, Liebe und wirklichkeitstrotzender Naivität dazu, sich gerade in solch einer Situation hinzustellen und “Italien retten” zu wollen.

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Bildungstreik! Wie Opa auch!

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Heute morgen kommt mir aufgeregt ein Schüler entgegen. Er gehe streiken sagt er, nicht ohne bedeutungsschwangeren Unterton. Höflich erkundigt er sich bei mir, ob und wie man sich abmelden müsse, ob man eine Bescheinigung über die Abwesenheit ausgestellt bekäme, und bis wann er denn wieder zurück sein müsse. Ich wundere mich nur noch, dass er mich nicht fragt, ob ich ihm den Weg dorthin beschreiben oder dorthin begleiten könne. Ich kläre ihn darüber auf, dass ein Streik eine Form der Verweigerung darstelle und er deswegen nicht von uns eine Absolution erhalten könne, selbst wenn wir die Inhalte unterstützen würden. “Man streikt mit allen Konsequenzen”, sage ich und frage, ob er die Beweggründe des Streiks kenne. “Ja”, und er finde es grundsätzlich richtig dagegen zu protestieren. Er sei dagegen, so gegen das Schulsystem halt grad’.

In der ersten Stunde sind noch ganz fünf Schüler übrig. Beim Gehen immer wieder die quälende Frage nach der Richtigkeit und den möglichen Konsequenzen, aber es ist nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt, um sie beantworten zu können. Die restlichen, von mir liebevoll, aber mit unüberhörbarem Seitenhieb versehen, “Streikbrecher” getauften Schüler, entspinnen eine immer wieder entfachende Diskussion um die Rechtmäßigkeit des Ganzen. Man bietet Erklärungen an warum die anderen fort sind; aber in erster Linie geht es ihnen auch darum, sich ausgerechnet mir gegenüber zu rechtfertigen. Jedes vorgetragene Argument kann ins Gegenteil verkehrt werden, Dilemma pur sozusagen, und ich betrachte das Ganze bequemerweise von der sicheren Warte des Ethik-Lehrers. Die Jugend hat es nicht leicht. Die Zurückgebliebenen (kann man das auch neutral ohne Wertung verwenden?), haben eine auf sich selbst beschränkte, aber greif- und unmittelbare Zukunft vor Augen: die nächste Schulaufgabe, das Zeugnis sowie mögliche Strafen und Konsequenzen. Wer gegangen ist, ging mit einem diffusen (Feind-)Bild und einer noch undeutlicheren Zukunft vor Augen los, bestärkt durch die Gewissheit eines wie auch immer gearteten Idealismus, der dem Streikversuch inne wiegt. Hauptsache auch dagegen, zumindest ein bißchen, vielleicht auch tiefsitzender Frust der nach einem Ventil schreit und sich seinen Weg nach draußen bahnt, Ausbruch aus dem tristen Schulalltag. Auf jeden Fall kein Bock auf Schule heute, wenn die großen Studenten sagen, dies und das passt ihnen nicht.

Zum Glück habe ich heute einen kurzen Schultag und so kann ich bald mit der U-Bahn zur Universität fahren, schnappe hier und da Gesprächsfetzen auf, “offiziell beim Streik, inoffiziell nach Hause”, denke beim Anblick manch topgestylter Studentinnen über das revolutionäre Potenzial der “Streikbewegung” nach und erreiche bald den Geschwister-Scholl-Platz. Dort wo Proletariat auf Prekariat treffen, zeigen sich alsbald die ersten Synergieeffekte, die jeder Fanmeile in ihren besten Zeiten zu Ehre gereicht hätte: von den Massen an Demonstranten keine Spur, aber viel Dreck und Müll ist überall zu sehen. Ich beschließe, so bourgeois wie ich inzwischen bin, anstatt dem Demonstrationszug hinterherzulaufen, lieber dem Ruf meines Hausmeisters zu folgen, der sich ausgerechnet jetzt unser Bad anschauen will. Mein Hausmeister ist nämlich ein ziemlich netter und zuverlässiger Kerl. Er hat mich so gut wie noch nie enttäuscht.

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