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Bildungstreik! Wie Opa auch!

Heute morgen kommt mir aufgeregt ein Schüler entgegen. Er gehe streiken sagt er, nicht ohne bedeutungsschwangeren Unterton. Höflich erkundigt er sich bei mir, ob und wie man sich abmelden müsse, ob man eine Bescheinigung über die Abwesenheit ausgestellt bekäme, und bis wann er denn wieder zurück sein müsse. Ich wundere mich nur noch, dass er mich nicht fragt, ob ich ihm den Weg dorthin beschreiben oder dorthin begleiten könne. Ich kläre ihn darüber auf, dass ein Streik eine Form der Verweigerung darstelle und er deswegen nicht von uns eine Absolution erhalten könne, selbst wenn wir die Inhalte unterstützen würden. “Man streikt mit allen Konsequenzen”, sage ich und frage, ob er die Beweggründe des Streiks kenne. “Ja”, und er finde es grundsätzlich richtig dagegen zu protestieren. Er sei dagegen, so gegen das Schulsystem halt grad’.

In der ersten Stunde sind noch ganz fünf Schüler übrig. Beim Gehen immer wieder die quälende Frage nach der Richtigkeit und den möglichen Konsequenzen, aber es ist nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt, um sie beantworten zu können. Die restlichen, von mir liebevoll, aber mit unüberhörbarem Seitenhieb versehen, “Streikbrecher” getauften Schüler, entspinnen eine immer wieder entfachende Diskussion um die Rechtmäßigkeit des Ganzen. Man bietet Erklärungen an warum die anderen fort sind; aber in erster Linie geht es ihnen auch darum, sich ausgerechnet mir gegenüber zu rechtfertigen. Jedes vorgetragene Argument kann ins Gegenteil verkehrt werden, Dilemma pur sozusagen, und ich betrachte das Ganze bequemerweise von der sicheren Warte des Ethik-Lehrers. Die Jugend hat es nicht leicht. Die Zurückgebliebenen (kann man das auch neutral ohne Wertung verwenden?), haben eine auf sich selbst beschränkte, aber greif- und unmittelbare Zukunft vor Augen: die nächste Schulaufgabe, das Zeugnis sowie mögliche Strafen und Konsequenzen. Wer gegangen ist, ging mit einem diffusen (Feind-)Bild und einer noch undeutlicheren Zukunft vor Augen los, bestärkt durch die Gewissheit eines wie auch immer gearteten Idealismus, der dem Streikversuch inne wiegt. Hauptsache auch dagegen, zumindest ein bißchen, vielleicht auch tiefsitzender Frust der nach einem Ventil schreit und sich seinen Weg nach draußen bahnt, Ausbruch aus dem tristen Schulalltag. Auf jeden Fall kein Bock auf Schule heute, wenn die großen Studenten sagen, dies und das passt ihnen nicht.

Zum Glück habe ich heute einen kurzen Schultag und so kann ich bald mit der U-Bahn zur Universität fahren, schnappe hier und da Gesprächsfetzen auf, “offiziell beim Streik, inoffiziell nach Hause”, denke beim Anblick manch topgestylter Studentinnen über das revolutionäre Potenzial der “Streikbewegung” nach und erreiche bald den Geschwister-Scholl-Platz. Dort wo Proletariat auf Prekariat treffen, zeigen sich alsbald die ersten Synergieeffekte, die jeder Fanmeile in ihren besten Zeiten zu Ehre gereicht hätte: von den Massen an Demonstranten keine Spur, aber viel Dreck und Müll ist überall zu sehen. Ich beschließe, so bourgeois wie ich inzwischen bin, anstatt dem Demonstrationszug hinterherzulaufen, lieber dem Ruf meines Hausmeisters zu folgen, der sich ausgerechnet jetzt unser Bad anschauen will. Mein Hausmeister ist nämlich ein ziemlich netter und zuverlässiger Kerl. Er hat mich so gut wie noch nie enttäuscht.

Geschrieben von Gary

Schreibt und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen.

Strike Anywhere live @1210

Vegan cake, an idiot & Blue Note (Swing Kids) Live @Orange House München