In und außerhalb des Empires 22

In und außerhalb des Empires

Oh je, ich habe das Gefühl wieder ein kleines Kinds zu sein. Es ist ein gottverdammt langweiliger Tag; der Ruhetag bevor morgen der ganze Trubel von vorne wieder anfängt. Mir kann’s Recht sein, in dieser öden Gegend, in der ich gelandet bin, hält mich nichts länger als nötig auf. War gestern zum ersten Mal mittags in aller Ruhe in meiner Wohnung, die Sonne schien, ich ließ die Rollläden hoch – die Wohnung wirkte plötzlich größer, lichtdurchflutet. Ich entdeckte den ganzen Staub auf den schwarzen Möbeln. Er war mir bislang, der sonst nur morgens, wenn er aufsteht und meist erst abends nach Arbeit und Besorgungen in der Stadt zurückkommt, noch gar nicht so richtig aufgefallen.

Ach schau an: Die Wohnung ist noch eine Baustelle, eine staubige, halbverdreckte Baustelle! Ich machte mich ans Staubwischen, doch der Staub blieb haften. Ich ging ins Bad und sah die ganzen Haare und den Körperdreck überall (zumindest hatte ich vorher gar keinen wahrgenommen). Ich reinigte die Badewanne, putzte den Spiegelschrank, das Waschbecken, um und unter der Toilette, den ganzen Boden bis ins hinterletzte Eck wo die Spinnen und Silberfische zum Sterben sich begeben und war einigermaßen zufrieden.

Ich setzte mich. Für längere, sich gemütlich dahinziehende Zeit. Ich reinigte die Toilette, doch der Boden war wieder schmutzig. Man sah den Menschen im Raum, zumindest seine Spuren. Alles war mit Haaren und abgeblätterter, abgeplatzter Haut übersät. Von den olfaktorischen Beeinträchtigungen ganz zu schweigen. Es stank nach Scheiße, zum Himmel nochmal und es war alles wieder dreckig. Ich gab auf. Es war kurz nach zehn.

Ich sah den ganzen Tag sich vor meinem geistigen Auge ausbreiten, blickte zugleich auf meine kleine weiße Ruinenküchenzeile und entschloss mich zur Flucht nach vorn. Es musste in diesem Viertel irgendwo etwas geben, was nach Leben aussah. Im meinem Leben dachte ich, waren das als Befriedigung meiner Grundbedürfnisse Schreib-, Bücher- und Elektroläden, Internetcafés und dergleichen, die kleinen Hinweise auf wie auch immer geartete postbürgerlich/neourbane Existenzformen, auf das Bestehen des Empires nach innen und außen. Oder so ähnlich. Seit kurzem nimmt das Empire auch in Gestalt von diversen Einkaufsmöglichkeiten für den Reinigungsbedarf den Raum ein und erweitert somit schlagartig im beträchtlichen Maß meine ehedem halbnackte Existenzmatrix. Ich hatte mir am Freitag ein Modem gekauft, doch weder AOL noch die Telekom schafften es mich zu vernetzen. Verdammt ich wollte diese „call by call”. Ich lief die Hauptstraße unweit meiner Wohnung runter. Vierspurig, irgendwann mit Schienen. Man läuft prinzipiell immer stur geradeaus. Eine sehr gerade Straße. Der Reißbrett-Erbauer ist ihr Vater, aber er zahlt längst keinen Unterhalt mehr. Man kann nur selten die Straßenseite wechseln, speziell wenn die Tramschienen die Trennung verstärken. In den Seitenstraßen ist selten ein Ladenschild oder dergleichen zus sehen. Hey Mann, ich erwarte keine Kinos, Clubs oder Bordelle, aber ein ein bisschen was zum Leben muss es doch auch in diesem Spießerparadies geben. Nun ja, Internetcafés entdecke ich zwei, eine Videothek, ein paar Imbissbuden, ein anonym wirkendes, lebloses sowie in der Nähe ein weiteres, seltsamerweise geschlossenes Schreibwarengeschäft sind vorhanden. Drei, vier Friseure, doch mache ich niemanden unter den Passanten aus, der so aussieht, als machte er sich besonders viele Gedanken bezüglich seines Haupthaars. Sind wohl sowas Schafscherstelle denke ich mir. Nach einer Weile kreuzen zwei New Balance-, Alpha Industries-tragende Proleten-Vorstadt-Nazi-Deppen samt dazugehörigem , degeneriertem Kampfhund meinen Weg. Sie schauen mich irritiert und bedrohlich erweckend zugleich an, ich schaue durch sie hindurch wie durch Plexiglas. Fast bin ich froh, dass es diese Typen hier gibt. Ah, noch mehr gelangweilte Vorstadtexistenzen – wie Schade, dass sie die falschen Konsequenzen aus ihrem Leben gezogen haben, ich trage meinen Scheitel auf der gegnerischen Seite. Ich verrichte Antifa-Arbeit im Vorbeigehen!

Nach drei oder vier oder fünf Kilometern, als ich mir ganz sicher bin, dass da nicht mehr Wesentliches kommt und ich rein gefühlmäßig bald in der Näher des Marienplatzes angekommen sein müsste, mache ich an der endlich erscheinenden Fußgängerampel halt und wechsle auf die andere Straßenseite. Vielleicht bin ich aber auch nur nach Osten oder westlich gelaufen, Orientierung habe ich eh nicht. Auf dieser anderen Seite sieht es ja noch trostloser aus! Die Fachgeschäfte erinnern mich in ihrer konzertierten, städteplanerischen sinnvollen aber untüchtigen Form an meinen einzigen Urlaub auf Gran Canaria. Sie legen Zeugnis davon ab, dass man hier zwar wohnt aber noch längst nicht zu leben angefangen hat.

Tabula rasa oder- and now to something completely different: grab a beer and come back later…

Was noch da? Na gut, der Rest ist eh schnell erzählt: ich erstehe eine Computerfachzeitschrift, mit Internetanbietern samt zugehörigen Einwahlnummern sowie den von mir zu verachten gelernten „Prinzen”, damit ich später lesen kann welch spannende Locations und einmalige Events ohne meine physische Präsenz vonstatten gehen werden. Ich finde zudem kein passendes Endstück oder Rohr oder was weiß ich wie das Teil für meine Dreckssatschüssel heisst, sodass ich später wieder einmal nur Öffentlich-Rechtliches in miesester DDR-Auflösung sehen kann.nDaheim schaffe ich es mich doch noch endlich ins Web zu einzuwählen, schrotte alsbald irgendwann meinen iPod, lese mein überquellendes Postfach und rauche, der unsagbar langsamen Verbindungsgeschwindigkeit wegen dazu verleitet, in meiner kargen, kalten Wohnung. Ich baue später eine Spiegeltür in Schlafzimmerschrank ein, was mich viel fluchen, wieldes gestikulieren und viel Schweiß kostet, aber ja verdammt, fast sieht er ganz hübsch aus, der Scheißschrank! Später esse ich Suppe und schaue Sportschau, schmeiße irgendwann die PS3 an und zappe mich ins Aktuelle Sportstudio. Die Gartenstadt hat mich gefangen genommen und tief in ihren Armen vergraben. Ich rieche ihren kalten, schalen Atem. Ich fange an nach Luft zu schnappen. Wir müssen heir raus, mein Kid Dynamit und ich.

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