Open Your Mouth and Say… Mr. Chi Pig (2009)

Mitte der 90er Jahre war ich oft in einem übergroßen knallgelben T-Shirt anzutreffen, das von einer Katkus-Gurke verziert wurde. Es war ein Shirt der kanadischen Skatepunk-Legende SNFU. In Ermangelung einer differenzierten Größenauswahl und meiner fragwürdigen Ernährungsgewohnheiten – Snickers und Cola, dazu viel Pizza und Falafel- fiel meine Wahl auf XXL. Was trotz damaliger propperer Körperdimensionen mindestens zwei ‚X‘ zu viel waren.

Bei einem Umzug letztes Jahr entdeckte ich das gute Stück und zog es spaßeshalber einmal über. Es hatte unzählige Waschgänge und Konzerte überlebt und sah dementsprechend nicht mehr ganz so taufrisch, sondern übel mitgenommen aus.

„Übel mitgenommen“  war auch die naheliegende Formulierung, die mir nach der Filmdokumentation ‚Open Your Mouth and Say… Mr. Chi Pig‘ (2009) in Bezug auf den Sänger der Band durch den Kopf ging.

Erschreckend musste ich feststellen, wie schlimm es allein körperlich um den Frontmann Mr Chi Pig (bürgerlich Kenneth Chinn) bestellt war, dessen Zähne sich als Folge seiner Crystal Meth-Vergangenheit irgendwann einmal verabschiedet hatten. Scheinbar komplett, der Vollbart kaschiert das nur bedingt. Und hier darf der Vollbart auch mal voll Vollbart sein, nicht so eine designte Hipsterkacke im Gesicht wie es heutzutage angesagt ist.

Was zunächst wie eine x-beliebige Band/Musiker-Dokumentation erscheint, entpuppt sich sehr schnell als eine von Sean Patrick Shaul feinfühlige eingefangene Charakterstudie des Mannes hinter der Bühnenfigur Mr Chi Pig. Leider waren neben seinem Alter Ego und SNFU wohl nicht besonders viele gute Dinge dabei.

Natürlich erfährt man nebenbei auch viel über die Band, ihre Anfänge, ihre Erfolge in der Underground-Szene der 80er Jahre usw., dies alles rückt aber angesichts der tragischen Ereignisse und Schicksalsschläge, die der ständig rauchende und trinkende schmächtige Mr Chi Pig erleidet (bzw. besser gesagt sich selbst zufügt) in den Hintergrund.

Ein wenig Hoffnung kommt immer wieder auf, wenn die Band reformiert wird und der Kerl irgendetwas Sinnvolles tun kann, das ihn davon abhält, weitere Dummheiten anzustellen. Vor diesem Hintergrund erst erschließen sich mir die Texteilen von Cockatoo Quill ( auf ‚In The Meantime And In Between Time‘ aus dem Jahre 2004), weil man merkt, dass es sich um eine schonungslose Introspektive handelt:

It’s so easy just to fuck it all
And go for the mersyndol,
Or something stronger to get me back
On the wagon I just fell off of,
Another swig,
One last gulp,
One more tablet to pop,
Anything to get me to start
Working on what I’ve been putting off.

Eine ungewöhnliche Dokumentation einer ungewöhnlichen Person, die mich da zum Kaktus-Gurken-Shirt-Tragen brachte: schonungslos ehrlich, mitunter auch amüsant und tra­gi­ko­misch. Durchweg empfehlenswert solltet ihr mal drüberstolpern. Und um den erzählerischen Faden fortzuspinnen, der bei ‚Open Your Mouth and Say… Mr. Chi Pig‘ im Jahre 2009 aufhört: SNFU sind seitdem wieder aktiv und auf Tour, waren in Europa und zuletzt in Australien. Band-Therapie geglückt? Ich hoffe es!

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